Non-lineare und non-hierarchische Struktur elektronischen Textes


Oralen Texten ist eine andere Erzählstruktur, ein anderer Stil zu eigen. Ong beschreibt diese als "additive rather than subordinative"(Ong 1982) . Die Struktur oralen Textes ist eher assoziativ als linear und beinhaltet auch nicht im selben Maße wie geschriebener Text die hierarchische Organisation von Gedanken, die ein geschriebener Text in sich trägt. Fowler weist in diesem Zusammenhang auf die typographische Sichtbarkeit dieser logischen Ordnung und Unterordnung von Gedanken hin (Fowler 1994) . Eine Ordnung und Unterordnung von Themen, Kapiteln und Unterkapiteln, wie sie zum Beispiel in dieser Arbeit durch die Numerierung der einzelnen Kapitel und Abschnitte vorgenommen wird, gibt es in oralem Text nicht. Gedruckter Text bietet sich zur Analyse, zum Aufteilen geradezu an: man kann ihn in einzelne, klar getrennte, voneinander unabhängige, zueinander in hierarchische geordneter Beziehung stehende Komponenten untergliedern und zerlegen "... in a manner that would be impossible in oral, formulaic speech" (Fowler). Hypertext hingegen greift auf die assoziative, nicht-lineare und nicht-hierarchische Struktur primär oraler Texte zurück. Die Struktur elektronischer Texte ist hier der von homerischen Texten vergleichbar:

"Homer's repetitive formulaic poetry is a forerunner of topographic writing in the electronic writing space.[...] Like oral poetry and storytelling, electronic writing is a highly associative writing, in which the patterns of associations among verbal elements is as much a part of the text as the elements themselves."(Bolter, 1991)

Ebenso, wie dem gedruckten Text die lineare Struktur immanent ist, wird im Hypertext die vernetzte Struktur, das assoziative, fester und bedeutungsrelevanter Bestandteil des Textes. Im Hypertext gibt es nicht die strenge Ordnung, die den gedruckten Text charakterisiert: es gibt keinen Anfang und kein Ende, kein oben und kein unten. Zwar gibt es im WWW einzelne Sites die in sich hierarchisch geordnet sind, dennoch kann man sagen daß alle Hypertextseiten im Prinzip gleichzeitig präsent, abrufbar sind. Mit den neueren Browsern ist es zum Beispiel kein Problem, auf dem Bildschirm gleichzeitig fünf oder mehr verschiedene einzelne Hypertextseiten aufzurufen, sichtbar zu machen, wobei es völlig irrelevant ist, ob die eine Seite der anderen in der vom Autoren angelegten Struktur untergeordnet ist. Bolter argumentiert, daß die Entwicklung hin zu einem Medium ohne Hierarchien dem Übergang der hierarchisch strukturierten sozialen Ordnung in eine "network culture", in der Hierarchien aufgelöst sind und die in ihrer Struktur demokratischer ist, entspricht: "The network has replaced the hierarchy" .(Bolter 1991)

Hypertext beinhaltet und ermöglicht Multilinearität: es ist möglich, mehrere, sich widersprechende Standpunkte einzubinden, sie gleichwertig und gleichzeitig - auf der gleichen Ebene - zu präsentieren, und damit die Auswahl - 'welcher Text interessiert mich, welchen Text möchte ich zuerst ansehen, welchen gar nicht' - dem Nutzer selbst zu überlassen. Ein konkretes Beispiel hierfür ist eine Arbeit von Nancy Kaplan , die sich mit verschiedenen Standpunkten zum Thema "E-Literacy" auseinandersetzt. In ihrer eigenen Arbeit vergleicht sie zum Beispiel die Ansichten von J. D. Bolter mit denen von N. Postman; Die Namen beider sind mit Links versehen, die zu ausführlicheren Zitaten und Zusammenfassungen der Aussagen des jeweiligen Autors führen. Diese Texte sind wiederum mit weiteren Links zu themenverwandten und zu Originaltext-Sites versehen, so daß man sich zu den einzelnen Autoren und zur Rezeption dieser Autoren bei Bedarf umfassend informieren kann.

Zu beurteilen ob dieser Bedarf besteht, bleibt dem Nutzer selbst vorbehalten. Er mag der Ansicht sein, daß er die Theorien des einen oder des anderen Autors bereits so gut kennt, daß es für ihn nicht notwendig ist, die Autorenseiten zu lesen, er mag sie flüchtig kennen, und gerne noch einmal zur Auffrischung einen Blick darauf werfen, er mag mit den Theorien der beiden Autoren nicht vertraut sein, und ergänzende Informationen benötigen, um der Argumentation von Kaplan folgen zu können. Entscheidend ist, daß die Wahl dem Nutzer überlassen bleibt, und daß beide, sich widersprechenden Autoren, aufgrund der dem Hypertext innewohnenden Eigenschaften, gleichzeitig und gleichwertig präsentiert werden können.

Da Hypertext der straff hierarchischen Strukturierung, die für gedruckten Text so charakteristisch ist, entbehrt, gibt es kein innerhalb der Struktur des Hypertext verankertes, fixes Zentrum des Textes; die Zentren des Textes werden vom Nutzer in seinem eigenen Kopf konstruiert, ganz den Bedürfnissen und den Assoziationen des Nutzers entsprechend.

"in Hypertext, centrality, like beauty and relevance, resides in the mind of the beholder. [...] centrality in Hyperspace exists only as a matter of evanescence [...] This [...] dissolution of centrality, which makes the medium such a potentially democratic one, also makes it a model of a society of conversations in which no one conversation, no one discipline or ideology, dominates or founds the others."(Landow, 1992)

Dies bedeutet, daß es im Hypertext zwar Zentren gibt, daß diese aber, ebenso wie die Struktur des Textes insgesamt, von Flüchtigkeit geprägt sind und daß das Setzen oder auch Verschieben dieser Zentren des Textes in der Hand - beziehungsweise "in the mind" - des Benutzers liegt, und nicht von vornherein von einer Autorenperson festgelegt ist.

Zwar werden dem Nutzer normalerweise auf Hypertextseiten mögliche Links vorgeschlagen, doch obliegt es letztlich dem Nutzer allein, zu entscheiden, ob er diesen Links folgen möchte, oder nicht. Ebenso könnte er einen nicht mit der momentan aufgerufenen Seite verknüpften Hypertextabschnitt anwählen, indem er in seinem Browser den entsprechenden URL eingibt. So steht es dem Nutzer frei, seinen Interessen entsprechend einen eigenen Hypertext zu kreieren, indem er sich assoziativ durch den Hyperspace bewegt.

Hypertext ermöglicht die Gleichzeitigkeit und Gleichwertigkeit von Bedeutungssträngen; dies wäre bei gedrucktem Text nicht in diesem Maße möglich. Durch diese Vernetztheit und Multilinearität (Bolter, 1991) von Hypertext hat der Nutzer in einem im Vergleich zum gedruckten Text wesentlich höherem Maße die Möglichkeit, Bedeutung für sich, individuell und ganz für den Moment zu konstruieren.

Stellt man das Lesen von Hypertext der herkömmlichen Interpretation von gedrucktem Text gegenüber, kann man sagen, daß der Leser im Hypertext anstelle linear entwickelter Ideen vernetzte Informationen und Textstücke (oder audiovisuell aufbereitete Informationen etc.) angeboten bekommt. Für den Rezipienten bedeutet dies die Möglichkeit, auf der Ebene einer größeren Auswahl von möglichen Bedeutungen und größerer Sinneinheiten, Bedeutungen und Zusammenhänge herstellen zu können. Auch in diesem Zusammenhang wird deutlich, daß der Nutzer/Leser bei der Rezeption von Hypertext in gewissem Sinne selbst Anteil an der Autorschaft hat: indem er selbst seinen individuellen Hypertext herstellt, also Textstücke zu neuen Sinneinheiten verbindet, kreiert er neuen Text.

Das Prinzip Hypertext stellt alle Dokumente auf der gleichen Ebene zur Verfügung: den Text, den Kommentar zum Text, die Anmerkung zum Kommentar, die Assoziation zur Anmerkung etc.. Würde ein gedrucktes Buch hypertextualisiert, gäbe es keinen Anfang und kein Ende des Buches mehr, die Texte, auf die die Fußnoten verweisen, wären ebenso präsent, wie der vom Leser als zentral gewählte Text , die im Moment aufgerufene Seite des Hypertext nicht mehr und nicht weniger präsent, als alle anderen. Ein hypertextualisiertes Buch müßte nicht im gleichen Raum-Zeit-Rahmen gelesen werden, wie es durch die materielle Beschaffenheit des Buches vorgegeben ist. Ist das Ausgangsmaterial nicht ein Buch, sondern eine ganze Sammlung von Büchern und Texten, zeigt sich dies noch dramatischer: jedes einzelne Buch, jedes Dokument wäre gleichzeitig präsent, jederzeit abrufbar, ebenso jeder kleine Teil eines Buches oder Textes. (Ein Beispiel für ein hypertextualisiertes Buch wäre etwa Bruce Sterling's "The Hacker Crackdown").

Dennoch werden einzelne elektronische Textpassagen im gegebenen 'normalen' Raum-Zeit-Rahmen gelesen werden. Vom Standpunkt des Benutzers aus bedeutet dies, daß Hypertext ihm die Beschäftigung mit einzelnen, in sich sequentiell organisierten, jedoch untereinander nicht sequentiell geordneten Textabschnitten ermöglicht. Die Stärke von Hypertext liegt hier nicht [nur] darin, die Erfahrung des einzelnen Textabschnittes zu verändern, sondern vielmehr darin, dem Nutzer eine größere Freiheit zu einem assoziativen Zugriff auf Informationen - Textabschnitte - zu bieten, ihm zu erlauben, seinen eigenen an seinen Assoziationen und Interessenschwerpunkten ausgerichteten Text zum Beispiel zu einem bestimmten Thema herzustellen.

Indem der Nutzer verschiedene Textstücke - also einzelne Hypertext-"Seiten" - und ihren Inhalt, entsprechend seiner eigenen Bedürfnisse, zueinander in Beziehung setzt schafft er nicht nur neuen Text als Addition von verschiedenen in sich abgeschlossenen Textstücken, er setzt auch die Inhalte dieser Texte in immer neue Beziehung zueinander und schafft damit neue Bedeutung(en). Die Assoziation eines Textes, die Vernetzung von Text durch den Nutzer zu einem anderen durch den Benutzer tritt an die Stelle der hierarchischen Unterordnung eines Textes unter einen anderen und setzt damit die einzelnen Komponenten in deutlich andersartige Beziehungen zueinander. Darin besteht die additive Qualität von Hypertext im Ongschen Sinne: das Hypertext einzelne Texte im Sinne eines gleichwertigen "und" miteinander verbindet, ohne auf hierarchische An- und Unterordnung zurückzugreifen.

Ähnliches gilt für die Chats, also IRC und MUD: die Möglichkeit, Gleichzeitig in mehreren Channels oder MUDs sich zu unterhalten zeugt ebenso von der Gleichzeitigkeit und Gleichwertigkeit verschiedener Texte, wie die Tatsache , daß meist innerhalb zum Beispiel eines IRC-Channels mehrere Gespräche parallel ablaufen. Es obliegt allein dem Nutzer, sich in einem Gespräch passiv zu verhalten, nur zuzusehen, oder sich an mehreren Gesprächen, die oft unterschiedlichster Thematik und voneinander völlig unabhängig sind, zu beteiligen. Zwar mögen die einzelnen Gesprächsstränge in sich linear sein, doch ist diese Linearität einzelner Gesprächsstränge eingebunden in das Netz von Konversation, daß der IRC- oder MUD-Nutzer um sich herum knüpft. Betrachtet man die Möglichkeit für den Nutzer, in MUDs mehrere Identitäten gleichzeitig zu leben, zeigt sich auch hier das Fehlen von dem Medium impliziten Hierarchien, denn Im Gegensatz zum körperlichen Leben, wo den verschiedenen Rollen oder Identitäten, die ein Mensch ausfüllt, verschiedene Wertigkeiten zugeordnet sind (etwa beim nur allzubekannten Dilemma der berufstätigen Mutter) , stehen diese verschiedenen Identitäten zumindest potentiell auf derselben Ebene. Sie sind gleichzeitig präsent und können gleichzeitig gelebt werden, ohne daß notwendigerweise die eine Rolle der anderen untergeordnet werden muß.


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